Was passiert, wenn die KI für uns denkt?
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Zukunftsforscher Hartwin Maas im Podcast „NEU DENKEN“ bei Transformationsforscherin Maja Göpel
80 % der jungen Menschen können sich einen Alltag ohne Künstliche Intelligenz (KI) in Zukunft nicht mehr vorstellen. Der Großteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nutzt KI für Hausaufgaben und Studienarbeiten, Schulen und Hochschulen stehen der rasanten Ausbreitung der KI im Bildungsbereich ratlos gegenüber. Diese Ergebnisse zeigten sich in der Jugendtrendstudie 2026 des Instituts für Generationenforschung, das zudem nachweisen konnte, dass die Mehrzahl junger Menschen ihre Lehrkräfte als inkompetent im Umgang mit KI einschätzt.
Doch kann sinnvolle Bildung unter solchen Voraussetzungen noch funktionieren?
Darüber debattierte Zukunftsforscher Hartwin Maas mit Transformationsforscherin Maja Göpel in deren Video- und Audiopodcast „Bildung NEU DENKEN“. Bildung braucht Erkenntnis, Wiederholung und Emotion, berichtet Hartwin Maas, Mitautor der Jugendtrendstudie 2026 und zitiert den amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Matthew Crawford, der einen direkten Bezug des eigenen Handelns zu Wissen, Wohlbefinden und Mündigkeit herstellt. Gerade in der digitalen Welt, so Maas, sei es schwierig auszumachen, was das Ergebnis des eigenen Tuns im Digitalen sei. Vor allem junge Menschen würden mehrere Stunden täglich mit TikTok-Videos verbringen, ohne dass sie davon etwas für sich mitnehmen würden. Virtuelle Erfahrungen seien eine wichtige Komponente unserer gegenwärtigen Zeit, doch dürften hinter analogen Erfahrungen nicht zurücktreten. Letztere seien spürbar, erfahrbar und eröffneten Lernerfahrungen, während digitale Erfahrungen nicht greifbar, repetitiv und durch Dritte (Algorithmen) gesteuert würden.
Die Digital Natives sind nicht (zwangsläufig) digital kompetent
Obwohl den jungen Menschen der Generation Z (Geburtenjahrgänge 1995-2009) häufig zugeschrieben werde, „digital kompetent“ zu sein, sei stattdessen das Gegenteil der Fall, erklärt der Zukunftsforscher. Lernprozesse käme durch das Ansehen von Videos in den Sozialen Medien kaum zustande, auch könnten junge Menschen digitale Geräte nicht besser bedienen. Nur weil sie digitale Geräte selbstverständlich im Alltag einsetzen, heißt das nicht, dass sie diese in ihrer Funktionsweise auch verstehen. Transformationsforscherin Göpel erwähnt das „Device Paradigma“ aus der Technikphilosophie, das die menschliche Wahrnehmungsfokussierung auf das Endgerät, das Smartphone beschreibt, das aber all die anderen Prozesse unsichtbar macht, die in Gang gesetzt werden, sobald wir etwas anklicken oder ansehen. Genau diese Prozesse können (oder wollen) immer weniger Menschen verstehen.
Kognitives Outsourcing
Das kann dazu führen, dass wir zwar die Endgeräte bedienen können, aber keinerlei Wissen darüber haben, wie die Ergebnisse zustande kommen, die uns angezeigt werden, welcher Qualität sie sind oder was sie wirklich bedeuten. Gerade für Schüler, die die Endgeräte zwar nutzen, ihrer Funktionsweise aber nicht mächtig sind, sei das fatal. Lernprozesse fänden so gar nicht statt. Maas spricht von „Kognitivem Outsourcing“. Wenn junge Menschen vier bis sechs Stunden täglich privat im Internet seien, ist das verlorene Lernzeit. Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch Prof. Dr. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, der an der Jugendtrendstudie 2026 des Instituts für Generationenforschung mitwirkte: Nutzen Schüler die KI unreflektiert, geht die Fähigkeit, selbst denken zu können, verloren. Junge Menschen dieser Technik auszusetzen, bedeute, sie in eine Form der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu manövrieren.[1]
Was digitale Kompetenz wirklich ausmacht – Eine Vorschau in eine wünschenswerte Zukunft
Digitale Kompetenz meint, so Maas, zu verstehen, wie digitale Geräte funktionieren, zu wissen, wie sie uns beeinflussen und dennoch Suchergebnisse kritisch zu hinterfragen – Fähigkeiten, die unsere Schüler:innen und Studierende gegenwärtig nicht lernen. Mit seinem Team aus Wissenschaftlern des Instituts für Generationenforschung hat Maas Szenarien für normativ wünschenswerte Zukünfte erstellt. Dazu nutzen die Forschenden gegenwärtige techniksoziologische und -psychologische Erkenntnisse und formulieren wünschenswerte Zukünfte. Unter der Annahme, Entscheidungsträger in der Bildung und der Gesellschaft nehmen die aktuellen technischen Entwicklungen und deren Einfluss auf junge Menschen ernst und es gäbe entsprechende politische Umsetzungen, hätte dies sogar gesamtgesellschaftlich stabilisierenden Einfluss: KI wird dann als Werkzeug und Sparringpartner genutzt, substituiert jedoch nicht das Grundlagenlernen. Kernkompetenzen werden bewusst analog und eigenständig aufgebaut, sodass junge Menschen digitale Werkzeuge bedienen und verstehen können. Parallel dazu werden analoge soziale Begegnungsräume ausgebaut. Politisch wirkt sich das stabilisierend auf Parteien jenseits politischer Ränder auf, da Zukunftsängste gezielt bearbeitet und soziale Inklusion ermöglicht wird und letztlich Parteien der Ränder weniger stark mit ihrer Programmatik in den Köpfen junger Menschen verfangen können.
[1] BR24 (2026): Prof. Klaus Zierer zur Jugendtrendstudie 2026. In: ARD Mediathek, 26.03.2026. URL: https://www.ardmediathek.de/video/br24/prof-klaus-zierer-zur-jugendstudie-2026/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDE4NDM1QTAvc2VjdGlvbi9iOTA3YTU3Ni02YWY2LTRkZGItYTQ1YS1lZjVmMWMyNDhlNDA?msockid=5f4a1602333311f18e7fb02222852bd6 (abgerufen am 08.04.2026) Hinweis: Im Beitrag des BR24 wurde anstatt "Jugendtrendstudie 2026" der Begriff "Jugendstudie 2026" verwendet.




