Biologische Transformation: Der Cyborg in der Industrie 5.0

Zukunfstforscher Hartwin Maas über die BioÖkonomie


Die britischen Behörden weigerten sich wochenlang Neil Harbisson einen neuen Personalausweis auszustellen. Der gebürtige Brite wurde mehrmals von den Behörden abgelehnt, weil sein Aussehen nicht den Vorgaben der britischen Behörden entspricht. Für Neil Harbisson kein Grund aufzugeben. Der Avantgarde-Künstler und Cyborg-Aktivist schaffte es im Jahr 2004 endlich, dass sein Passfoto nach wochenlanger Korrespondenz anerkannt wurde.


Der Grund warum Harbisson abgelehnt wurde: Laut den britischen Behörden ist es verboten, sich auf dem Personalausweisbild mit einem technischen Gerät abzulichten. Das Problem im Fall Harbisson: An Harbissons Kopf ist eine Antenne befestigt, die von seinem Hinterkopf bis zu seiner Stirn reicht. Harbisson leidet an „Achromatopsie“, einer erblichen Störung der Farbwahrnehmung, bei der Betroffene farbenblind sind und lediglich Kontraste sehen können. Mit der Antenne kann Harbisson Farben „hören“, das heißt, die Antenne erkennt die Farben, übersetzt diese in für Harbisson hörbare Schwingungen. Und Harbisson weiß, welche Schwingungen für welche Farbe stehen. Zudem kann er mit seiner Antenne elektromagnetische Strahlung erfassen, Telefonanrufe tätigen, Musik, Videos, Bilder oder Signale von Satelliten empfangen.


Mit der Ausstellung des neuen Passes für Harbisson ging er gleichzeitig als der erste offiziell anerkannte Cyborg in die Annalen der britischen Geschichte ein.


Von Cyborgs, Exoskeletten und Bioware: Die Fiktion ist bereits Wirklichkeit

Ein Cyborg ist eine Verschmelzung eines Menschen und einer Maschine, ein Hybrid aus einem lebendigen Organismus und einem technischen Gerät. Von einem Cyborg kann jedoch nur dann gesprochen werden, wenn Mensch und Maschine ein integriertes System werden, das heißt, wenn durch den Einsatz der Technik die menschlichen Fähigkeiten „übermenschlich“ erweitert werden. Das Individuum kann dann mehr als die menschliche Norm. Der Erfolg dieser Synthese ist offensichtlich: Mittlerweile ist es möglich, Menschen mit Farbenblindheit das Leben zu erleichtern oder Menschen tragen Roboteranzüge, sogenannte Exoskelette, die als äußere künstliche Skelette den eigenen Körper stützen.


Es gibt auch den Fall, dass nicht wir Menschen, sondern lebende Zellen jeglicher Art mit Maschinen zusammenarbeiten. Der Mensch wendet sein Wissen über Technologien auf die lebendige Natur an. Hiermit beschäftigt sich die Wissenschaft der Bioökonomie. Beispielsweise können lebende Zellen Fleischersatzprodukte produzieren, mRNA-Impfstoffe können hergestellt, individualisierte Krebstherapien entworfen und biobasierte Sensoren betrieben werden, die mittels gentechnisch veränderter Zellen die Moleküle von Sprengstoffen und Drogen erkennen und damit Spürhundenasen ersetzen.


Die Bioökonomie könnte eine riesige Chance sein. Vor dem Hintergrund der Knappheit fossiler Energieträger und des verschärfenden Klimawandels ist es mehr denn je wichtig, ein Wirtschaftssystem zu etablieren, das auf nachwachsende Rohstoffe setzt. Genau dieses Ziel hat sich die Bioökonomie gesetzt: Durch den Einsatz von lebenden Zellen, der sogenannten „Bioware“, sollen Produktionsprozesse nachhaltiger gestaltet werden. Ziel der Bioökonomie ist es, eine biobasierte Wirtschaft zu errichten, die die physikalischen Grenzen unseres Planeten respektiert. Lebende Zellen und die Technik arbeiten zusammen, sodass Bioware, Software und Hardware zu einem produktiven System verschmelzen.


Also: Die Bioökonomie ist eine riesige Chance! Aber nur wenn wir es schaffen, ihre ambitionierten Ziele durchzusetzen, kann eine umfassende biologische Transformation in Gang gesetzt werden. Zukunftsforscher sprechen davon, dass die Bioökonomie die Industrie 5.0 sein könnte. Derart, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend durch den Einfluss der Bioökonomie ändern. Wissenschaftliche Studien haben errechnet, dass zukünftig 60 Prozent der Materialien, die wir im alltäglichen Gebrauch nutzen, durch Techniken der Bioökonomie produziert sein könnten. Weltweit wird 30 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsbudgets für solche Themenstellungen eingesetzt werden.


Status Quo der Bioökonomie in Deutschland

Die biologische Transformation kann mittels dreier Prozesse beschrieben werden: Von der Inspiration zu einer bioökonomischen Technologie über die Integration der Technologie in den Produktionsprozess hin zu einer Interaktion, der konkreten Auseinandersetzung und Weiterentwicklung einer Technologie. Und hier liegt das Problem. In Deutschland passiert fast nichts. Die großen bioökonomischen Startups befinden sich in den USA und in China. Nicht in Deutschland. Die Industrie 4.0 als Phase der umfassenden digitalen Vernetzung ist deutschlandweit nicht mal ansatzweise bewältigt, während die Industrie 5.0 in anderen Ländern bereits durchstartet.


Vielleicht ist die Überalterung der deutschen Gesellschaft an der schwerfälligen deutschen Wirtschaft schuld. An den Jungen kann es jedenfalls nicht liegen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigt: 31 Prozent der 12- bis 14-jährigen in Deutschland könnten sich eine Verbindung eines ihrer Körperteile mit dem Internet vorstellen. Für ältere Semester ist ein solches upgrade des eigenen Körpers undenkbar. Tatsächlich haben in Deutschland gegenwärtig bereits 15.000 Menschen einen sogenannten Near-Field-Communication Chip (kurz NFC-Chip) unter der Haut. Ähnlich wie ein 19-Jähriger aus der Lausitz, der sich einen zwölf Millimeter langen und zwei Millimeter breiten Chip unter die Haut hat einpflanzen lassen. Mit diesem Chip kann der 19-Jährige beispielsweise Autos starten oder Türen öffnen.


Aber tatsächlich ist der 19-jährige mehr als 20 Jahre zu spät. Diese Technologie wurde bereits 1998 einem Menschen eingepflanzt. Ein Radio frequency identification Implantat (kurz RFID-Implantat) ermöglicht das kontaktlose Lesen und Speichern von Daten. Ein Code, der auf dem Implantat gespeichert ist, kann ausgelesen werden und ermöglicht die Identifikation seines Trägers. Damals noch 22mm lang und 4mm breit wurde das Implantat im April 1998 einem Menschen in Reading, England, eingesetzt. Der Grundstein für die Entwicklung wurde noch früher, bereits 1960 gelegt, als der schwedische Radioingenieur Harry Stockmann die Technologie nutzte, um Eisenbahnwagen zu identifizieren.


Die German Angst vs. Transformationen

Innovatoren oder Nachzügler. Chancen nutzen anstatt abzuwarten. Wir alle sind gefragt, Prozesse anzustoßen und von der Regierung mehr zu fordern. Im Vergleich zum US-amerikanischen Silicon Valley, das scheinbar monatlich Innovationen vom Stapel lässt, schwelgt man im technikkonservativen Deutschland über die Erfolgsgeschichten der Neigetechnik des ICE oder trauert den nach China abgewanderten Entwicklern von Robotik hinterher.

Es sollen hier keine Lobeshymnen auf die „großartige“ US-amerikanische Technologieaffinität oder deren „einzigartiger“ Entwicklungsgeist gesungen werden. Denn die Innovationen, die beispielsweise Elon Musk regelmäßig vorstellt, sind längst nicht so einzigartig und großartig wie seine dystopisch anmutenden Präsentationen, mit denen er die „Unwissenden“ an seinen Erfindungen teilhaben lässt. Musk kupfert ab. Die Technologie „Neuralink“, die Gehirnwellen misst und diese anschließend an Endgeräte zur Auswertung schickt, ist bereits ein alter Hut.

Bei all der Schaumschlägerei die Musk um seine „Neuheiten“ betreibt, kann man ihm jedoch eines nicht absprechen: Seine Affinität und seinen Geldbeutel zur Weiterentwicklung neuer Technologien. Und wird die Technologie sinnvoll weiterentwickelt, könnten Schlaganfälle vorhergesagt und möglicherweise auch Krankheiten geheilt werden.


Sicherlich ist die „German Angst“ bezüglich Cyborgs, Bioökonomie und implantierten Chips auch begründet. Alle bioökonomischen Innovationen offenbaren ein Arsenal an möglichen Schwachstellen, Leerstellen und Ansatzpunkten für manipulative Techniken. Aber deshalb das Handtuch werfen? Hat die Menschheit den Traum vom Fliegen aufgegeben, nur weil es misslungene Flugversuche gab?


Wohl kaum. Trotzdem versiegt in Deutschland häufig bereits die ethische Diskussion über die Chancen und Risiken von bioökonomischen Technologien im Sand. Und der Germanismus, eine generalisierte Angststörung der Deutschen, die diffuse Angst der Bevölkerung, hat ein weites Mal triumphiert.


Weiter denken, Neues wagen, denn auch Scheitern führt zum Erfolg

Und dann fehlt eben auch der Mut, zu einer passenden Zeit in die Zukunft zu investieren. Den hätte es gebraucht, um Anschluss im Entwicklungsbereich der Bioökonomie zu haben. In Deutschland sind wir noch entfernt von einer breiten gesellschaftlichen, ethischen Diskussion in diesen Entwicklungsbereichen anzustoßen. Der Zug scheint abgefahren zu sein – und das zeigt sich nicht nur an der bereits überholten Neigetechnik des ICEs.


Wenige haben den Startschuss aus der Ferne gehört. Kein Wunder, dass der Fall „Harbisson“ für unsere Ohren so fremd klingt. Harbisson hat es gewagt, zu einer passenden Zeit mutig zu sein. Er hat in seine Zukunft investiert und damit die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen auf eine neue Entwicklungsstufe gehoben. 2010 hat Neil Harbisson übrigens eine internationale Stiftung gegründet, die sich für die Rechte der Cyborgs einsetzt, Cyborgismus als Kunstbewegung fördert und Menschen unterstützt, die Cyborgs werden wollen.


Die Bioökonomie ist eine riesige Chance. Um nur ein Beispiel zu nennen: Amerikanische Wissenschaftler haben sogenannte „smarte Tattoos“ entwickelt. Die Flüssigkeit, mit der Tattoos gestochen werden, interagieren mit der menschlichen Gewebeflüssigkeit. Wenn Sportler beispielsweise dehydriert sind, oder der Blutzuckerspiegel eines Diabetikers ansteigt, ändern die Tattoos ihre Farbe. Auch aus der Werkstatt amerikanischer Wissenschaftler stammen sogenannte „Skin Marks“. Unter die Haut wird eine Tätowierungsflüssigkeit gestochen, die mit Sensoren beladen ist. So soll sich in Zukunft beispielsweise mit dem Touchpad unter der Haut der Fernseher bedienen lassen. Die Nachhaltigkeit wird in der Bioökonomie von Anfang an mitgedacht. Diese „Wearables“ sind nachhaltig und Endgeräte, wie Fernbedienungen nicht mehr notwendig. Es entsteht kein Abfall.


Skin Marks werden unter anderem an einem von Google finanzierten Forschungsprojekt an der Universität Saarland untersucht. Schön, dass wir wenigstens geografisch teilhaben dürfen.

Kompetenzen von Menschen und Cyborgs fördern

Chancen nutzen und teilhaben. Teilhabe ist die Chance, um Menschen die Angst vor neuen Technologien zu nehmen, Chancen und Risiken zu diskutieren, ethische Diskussionen zu initiieren und Vorbehalte abzubauen. Teilhabe könnte eine Arznei gegen die German Angst sein und für eine Transformation – digital und biologisch.


Spätestens jetzt bräuchte es ein Umdenken in Deutschland, um nicht den Anschluss zu verpassen: Wir brauchen einen offenen Diskurs, in welchem die Grenzen und Möglichkeiten von Technologien wie der Bioökonomie offen diskutiert werden. Zukünftig sind andere Kompetenzen notwendig. Es braucht Personen, die Wissen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen besitzen und ihr umfangreiches Knowhow in Wertschöpfungsprozesse transformieren. Interdisziplinarität ist das Stichwort: Wissen sowohl in Biotechnologie, Maschinenbau und Informationstechnik. Und schließlich braucht es die Kompetenz der Akzeptanz, auch Ambiguitätstoleranz genannt. Akzeptanz für unterschiedliche Meinungen bezüglich ethischer und technologischer Fragestellungen. So funktioniert der Abbau von Ängsten und ein vernünftiger Dialog.


Zukunfstforschung Hartwin Maas Dipl.-Wirt.-Ing., MIB

Teilhaben können Menschen an meinen partizipativen Forschungsprojekt am Institut für Generationenforschung. Das Institut für Generationenforschung hat sich das Ziel gesetzt, den Dialog verschiedener Menschen voranzutreiben. Als Zukunftsforscher ist es mir wichtig, Zukunftsvorstellungen zu entwickeln und ethischen Folgerungen von Technologien zu diskutieren. Immer wieder zeigt sich bei meinem Forschungsprojekt: Die Akzeptanz der Jüngeren für neue Technologien ist vorhanden und auch ethische Argumente werden intensiv debattiert. Die Frage der potenziellen Nachhaltigkeit von Technologien trifft bei allen Menschen einen Nerv.


KI kreiert Kunst. Kann so Bioökonomie aussehen? Verschmelzung von Metall und lebenden Zellen.

Grégory Chatonsky