Die Fünfte Gewalt: Zwischen Hoffnung, Protest und Konsequenzen
- Rüdiger Maas

- 28. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Von arm und mittellos bis wohlhabend, gemeinsam haben sie Großes erreicht - vor allem ein Gefühl von Handlungsmacht.

Während die GenZ hierzulande ängstlich und hoffnungslos auf die Zukunft schaut, Renten- und Wehrpflichtdebatte erduldet, revolutionieren weniger privilegierte GenZler in vielen Ländern erfolgreich für ihre Zukunft! Handeln statt jammern, so ihr Credo...
GenZ Mitglieder in Benin, Senegal, Elfenbeinküste oder Kamerun haben sich formiert zur One-Piece Bewegung und tatsächlich einiges schon erreicht.
Am wohl erfolgreichsten war aber mit Abstand das sogenannte One Piece Movement (auch GenZ Movement) in Madagaskar.
One-Piece-Movement Madagaskar

Im Spätsommer 2025 erlebte Madagaskar eine bislang historische Bürgerprotestbewegung, die von jung ausging! Denn vor allem die jungen Menschen, der Generation Z, gingen landesweit auf die Straße, um gegen schlechte Lebensbedingungen, politische Missstände und die Regierung des Präsidenten Andry Rajoelina zu protestieren. Auffällig war dabei das ikonische Symbol, das viele Demonstrierende trugen: die Piratenflagge aus dem japanischen Manga und Anime One Piece. Dieses Zeichen gab der Bewegung ihren Spitznamen als „One-Piece-Bewegung“ oder „Gen-Z-Movement Madagaskar“.
Die Proteste begannen Ende September 2025 in der Hauptstadt Antananarivo und breiteten sich schnell in andere Städte aus. Auslöser waren vor allem: häufige Strom- und Wasserausfälle, die den Alltag junger Menschen und Familien massiv beeinträchtigten, hohe Arbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen, weit verbreitete Armut trotz wertvoller Rohstoff- und Landwirtschaftsressourcen, Gefühl politischer Ohnmacht und Korruption.
Die GenZ-Mitglieder nutzten Facebook zur Organisation und Mobilisierung, TikTok und Instagram waren in Madagaskar außen vor. Facebook sorgte für ein schnelles und starkes Vernetzten der Generation Z, die am Ende zu den großflächigen Protesten führte.
Der visuelle Bezug auf One Piece mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, ist aber kulturell erklärbar. In dem populären anime- und manga-Werk geht es um eine Gruppe von Piraten, die gegen ein unterdrückerisches System kämpfen und Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit suchen.
Dieses Piraten-Symbol — oft dargestellt als Totenkopf mit Strohhut — wurde von den jungen Demonstranten adaptiert, um Widerstand gegen politische Ungerechtigkeit und fehlende Perspektiven auszudrücken. Dabei ist auch der internationale Kontext wichtig: Ähnliche „One-Piece-Fahnen“ wurden auch bei Gen-Z-Protesten in Nepal, Indonesien, Marokko und anderen Ländern gesehen, weshalb Analysten von einem globalen kulturellen Protesttrend sprechen.

Und in der Tat, löste im Oktober 2025 Rajoelina die Nationalversammlung auf, um einer möglichen Amtsenthebung zuvorzukommen. Trotz dessen stimmte die Nationalversammlung für seine Absetzung. Teile der Armee — insbesondere die Eliteeinheit CAPSAT — erklärten, sie hätten die Kontrolle übernommen und setzten einen Übergangsrat ein (Council of the Presidency for the Re-Foundation of the Republic), was faktisch einem militärischen Eingreifen gleichkam.
Rajoelina soll anschließend das Land verlassen haben; sein Aufenthaltsort ist offiziell nicht bestätigt, viele vermuten nun, dass er nun in Dubai sei. Die Proteste führten zu einem faktischen Machtverlust des Präsidenten. Eine militärisch gestützte Übergangsführung soll demokratische Strukturen wiederherstellen und innerhalb von zwei Jahren Wahlen organisieren.
Ein neue weltweite GenZ-Bewegung
Die Bewegung zeigte die Fähigkeit junger Menschen, traditionelle Politikwege zu umgehen und durch digitale Netzwerke mobil zu werden. Die Verwendung eines Global-Kultur-Symbols wie One Piece unterstreicht, wie tief mediale Narrative politische Energien schaffen können.
Ob die Übergangsregierung echte demokratische Wahlen einleitet oder ob de-facto-Machteliten die Kontrolle behalten, bleibt ungewiss. Erfolgreiche Wahlen könnten die politische Legitimität wiederherstellen, doch institutionelle Reformen sind notwendig, um langfristige Stabilität zu sichern.
Die Generation Z in Madagaskar hat klar gezeigt, dass sie nicht mehr politisch passiv ist. Falls ihre Forderungen jedoch nicht durch konkrete politische Programme, strukturelle Veränderungen oder langfristige politische Organisationen kanalisiert werden können, droht ein Erschöpfungseffekt der Bewegung — ein Szenario, das bereits in Teilen der Protestkultur beobachtet wurde.
Die „One-Piece-Bewegung“ in Madagaskar war mehr als nur eine Aneinanderreihung von Straßenprotesten: Sie verband lokale sozio-ökonomische Herausforderungen mit einer global kulturellen Symbolik und einer digital vernetzten Jugend zu einer politischen Kraft, die das Machtgefüge des Landes grundlegend erschütterte. Ob aus dieser Welle eine neue demokratische Ordnung entsteht oder ob politische und soziale Konflikte weiterhin bestehen bleiben, hängt davon ab, wie strukturelle Reformen, institutioneller Wiederaufbau und die konkrete politische Einbindung junger Menschen gestaltet werden.
Und genau hier zwischen Hoffnung, Protest und Konsequenzen... führen wir vom Institut für Generationenforschung in Zusammenarbeit mit Forschenden aus Antananarivo vor Ort Studien durch. Hierzu befragen wir junge Menschen, die dabei waren, ganz vorne, aber auch jene die es eben nicht waren.
Interessant ist für uns die Geschwindigkeit und Wirkmacht dieser generationenbedingten social-media-basierenden Bewegung, denn diese werden wir in Zukunft immer mehr erleben und die Studienlage ist hierzu noch nicht ausreichend. Diese Lücke möchten wir schließen.
Als Kommunikations-und Koordinationsplattform diente hauptsächlich Facebook. Instagram und TikTok sind bekannt, aber seien für die Bewegung nicht hilfreich gewesen.
Viele Teilnehmenden beriefen sich auf Nepal, was sie animiert habe zu protestieren. Dass sie nun selbst Vorbilder für eine weltweite Bewegung sind, erfüllte die jungen Menschen mit Stolz, vor allem die sonst oft mittellosen, auch obdachlose bzw. auf der Straße lebende Jugendlichen, die wir trafen, hatten ein Gefühl von Handlungsmacht, die sie tief in ihrem Herzen weitertragen.
Spannend war auch zu hören, wie sehr es, denn jungen Menschen bewusst war, dass alle, wirklich alle zum Erfolg geführt haben, von arm, oder eben gar auf der Straße lebende Jugendliche (davon gibt es in Antananarivo jede Menge) bis potenziell-wohlhabendere Studenten...
Die Bewegung ist ein Spiegel struktureller Probleme – und ein Ausdruck davon, wie globale Popkultur lokale politische Dynamiken beeinflussen kann.
One-Piece-Movement-Studien des Instituts für Generationenforschung
Wir hatten nun die Gelegenheit, Vertreter der Bewegung sowie lokale Akteure zu interviewen. Dabei wurde schnell deutlich, die Bewegung ist rein positiv konnotiert. Kritische Stimmen hörten wir nur von wohlhabenden älteren Menschen, bei Mitgliedern der Generation Z trafen wir niemanden, der auch nur ein kritisches Wort über die Bewegung fand.
Für viele junge Menschen steht One Piece sinnbildlich für Werte wie (ihre) Freiheit, Gerechtigkeit und Widerstand gegen Korruption. Diese Symbolik trifft in Madagaskar auf eine Gesellschaft, die mit Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und politischem Frust kämpft.
Am meisten hat uns die Energie und der Stolz beeindruckt, den die jungen madagassischen Revolutionierenden hatten; sie haben ihr Ziel erreicht, das erfüllt sie mit Stolz - jetzt weiterzumachen, käme einem Versagen gleich. Dankbar über das Erreichte schauen sie nun nach vorne, ohne Jammern und tatsächlich ohne weitere Forderungen... Ob die Proteste erneut aufflammen, hängt sehr stark von weiterem politischem Handeln statt, sie bilden dadurch eine Art Fünfte Gewalt…
Die GenZ in Madagaskar und ihre Bewegung könnte ein weltweites Vorbild sein - auch für die Pudding-mit-Gabeln-essende und Hobby Horsing-betreibende Wohlstands-GenZ....





