Warum der Evangelist Matthäus schuld ist, dass ich nicht geimpft bin

Zukunftsforscher Hartwin Maas


Der Impfstoff von Astra-Zeneca bleibt in den Regalen liegen: Für Deutschland wurden bisher 1,4 Millionen Dosen des Präparats ausgeliefert, bisher aber nur 211.886 Dosen davon verimpft (Stand: 24.02.2021). Das heißt auch, dass 85% der zur Verfügung stehenden Dosen derzeit noch darauf warten zum Einsatz zu kommen.[1] Und das, obwohl nach der aktuellen Studie des Instituts für Generationenforschung aus Augsburg sich 71% der Befragten impfen lassen würden. Und das liegt nicht nur daran, dass sich Deutschland nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was die Geschwindigkeit beim Impfen anbelangt, sondern auch daran, dass viele Menschen kein Interesse daran haben sich einen Impfstoff verabreichen zu lassen, der scheinbar nur eine 60% Wirksamkeit aufweist. In Südafrika wurden das Impfprogramm mit dem Astra-Zeneca-Vaccine sogar abgebrochen. Zu groß waren die Bedenken um die Wirksamkeit.[2] Wenn ich also das Astra-Zeneca-Präparat erhalten, besteht immer noch eine 40%ige Wahrscheinlichkeit, am Corona-Virus zu erkranken – Folglich ist doch das Warten auf den Impfstoff von Moderna oder Biontech/Pfizer nur rational?


Nun, nicht ganz. Das der Impfstoff ungenutzt liegen bleibt, liegt nicht nur an seiner geringeren Wirksamkeit oder am Schneckentempo beim Impfen. Sondern auch daran, dass wir uns oft einfach falsch informieren bzw. falsch informiert werden. Nur Vollständigkeitshalber die ganze Wahrheit zum Astra-Zeneca Impfsoff: Er verhindert schwere Covide-Verläufe und Hospitalisierungen: So stark, dass keine einzige Person, die mit dem Impfstoff von Astra-Zeneca geimpft wurde, wegen einer Covid-Erkrankung hospitalisiert werden musste, während in der Kontrollgruppe 8 von 154 infizierten Personen im Krankenhaus behandelt werden mussten.[3] Würden Sie sich jetzt mit dem Präparat impfen lassen?


Vermutlich nicht. Grund hierfür ist der sogenannte „Matthäus-Effekt“. Dieser geht auch den Bibelvers von Matthäus zurück: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Erfolg haben wird nur der, der vorher auch schon Erfolg hatte. Oder anders ausgedrückt: Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist.


In der Corona-Pandemie können wir dies daran beobachten, dass sich bestimmte „Corona-Persönlichkeiten“, „Corona-Experten“ oder bestimmte Institute und wissenschaftliche Einrichtungen herauskristallisiert haben, die mediale Aufmerksamkeit genießen. Gemäß des Matthäus-Effekts eben diejenigen, die in der Vergangenheit Erfolg hatten. Ein treffendes Statement, eine interessante Untersuchung oder eben der Treffer ins Schwarze – das sind die Garanten für zukünftigen Erfolg. Das heißt nicht, dass diese Personen oder Gruppierungen mit ihren Aussagen falsch liegen würden und „Informationsnarrenfreiheit“ genießen würden. Aber es zeigt, dass diesen in Zukunft die mediale Aufmerksamkeit sicher sein wird, und das unabhängig davon, welche Leistung sie tatsächlich erbringen.


Ist also einmal die Nachricht über die mangelnde Wirksamkeit von Astra-Zeneca im Medienzirkus freigelassen, gibt es kein zurück mehr. Von dort an ist ein Pfad eingeschlagen worden, von dem es keine Abzweigungen mehr gibt. Die 60 % haben sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Im Bezug auf die Corona-Pandemie findet hier der „umgekehrte“ Matthäus-Effekt statt: Der negative Ruf hält sich unerbittlich in den Medien. Mit schließlich weitreichenden Folgen: Die Pandemiebewältigung dauert an und wird zäh wie ein Kaugummi, weil die Leute den Impfstoff verweigern.


Was man ihnen auch nicht unbedingt verübeln kann. Denn der Matthäus-Effekt, der vom US-amerikanischen Soziologen Robert K. Merton in den 1960ger Jahren entwickelt wurde, lässt sich ganz leicht auf die aktuelle Corona-Situation in den Medien übertragen: Die Medien, die schon immer gehört werden und in der Vergangenheit Erfolg hatten, werden auch in Zukunft gehört, sie sind die Leitmedien. Sparen die Medien, die ich konsumiere, bestimmte Informationen aus, werde ich diese wohl nie zu Gehör bekommen, da ich mich ganz auf dieses verlasse.


Ich muss deswegen also nicht schlecht informiert sein, dafür aber einseitig. Zugegebenermaßen: Es ist bei der Medienflut auch kein Leichtes, für sich den rettenden Informationsanker zu entdecken. Aber wir machen es uns schlichtweg zu einfach, wenn wir lediglich auf vermeintlich Altbewährtes vertrauen. Denn jegliche Chance, „Fakenews“ zu enttarnen oder andere Meinungen zur Pandemiebewältigung zu hören, werfen wir so bereits im Voraus über Bord.


Wenn das passiert ist, reist uns die Medienflut erbarmungslos mit in ein Meer, auf dem keine Insel, kein rettendes Schiff in Sichtweite ist. Soll heißen: Ein mehr an Informationen führt nicht zu mehr Informiertheit. Wir klammern uns lediglich an die kleinen Bruchstücke, die uns geblieben sind und spinnen uns aus diesen unsere eigenen Geschichten zur Erklärung der Wirklichkeit zusammen. Derart, dass wir eine Impfung für uns für ausgeschlossen halten, die Maske verweigert wird oder die Regierung in Kooperation mit Bill Gates im Hintergrund die Strippen zieht. Der Anteil an Impfgegnern bleibt während der Corona-Pandemie auf einem ungebrochenen Hoch: Ein Drittel der Menschen glaubt laut den Berechnungen des Instituts für Generationenforschung in der Pandemie an Verschwörungstheorien.


Zwar ist auch die Politik nicht schuld am Matthäus-Effekt, dieser ist schließlich ein soziologisch und psychologisch erklärbares Phänomen, allerdings trägt sie eine Verantwortung dahingehend, inwieweit der Matthäus-Effekt zur Entfaltung kommen kann. Denn sie versorgt die Medien mit Stoff. In Zeiten der Pandemie hat sich gezeigt, dass dieser Stoff ganz verschiedene Formen und Ausmaße annehmen kann. Von einer wissenschaftlich undurchsichtigen Senkung der Inzidenzwerte, Verwirrung um die Maskenpflicht, Minister, die „vergessen“ haben Impfstoff zu bestellen. Und auch das brennt sich im Gedächtnis ein.


Die Art der politischen Kommunikation ist also entscheidend. Den schwarzen Peter lediglich Matthäus, respektive den Medien zuzuschreiben, ist falsch. Die Medien sind sozusagen der „Verstärker“ für die Politik und verarbeitet das, was ihr zugespielt wird. Und zwar so, dass das Maximum an Aufmerksamkeit erzielt wird. Und am Ende der Kette stehen die Bürger. Auch diese haben die Verantwortung. Wenn auch eine große. Nämlich in der Pandemie den Überblick zu behalten. Gerade in Zeiten der Pandemie ist das umso wichtiger. Denn das handeln bestimmt wesentlich, wie die Gesellschaft die Pandemie bewältigen wird.





[1] Vgl. Kunkel, Christina (2021): Kein Impftermin darf verstreichen. In: Süddeutsche Zeitung. 24.02.2021. URL: https://www.sueddeutsche.de/meinung/corona-impfung-astra-zeneca-1.5215640, aufgerufen am 25.02.2021.
[2] Vgl. Becker, Kim (2021). Dann lieber nicht geimpft?. 20.02.2021. URL: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/mittel-von-astra-zeneca-dann-lieber-nicht-geimpft-17206709.html, aufgerufen am 25.02.2021.
[3] Vgl. Paul-Ehrlich Institut (2021): Si­cher­heit und Wirk­sam­keit des CO­VID-19-Impf­stoffs Astra­Zene­ca. URL: https://www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2021/210218-sicherheit-wirksamkeit-covid-19-impfstoff-astrazeneca-infomationen-pei.html, aufgerufen am 25.02.2021.